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1 Jahr Krautreporter: (Wie) gehts weiter?

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Am Anfang haben sie viel Gegenwind bekommen. Da hatte irgendwer geschrieben, dass die Krautreporter den Online-Journalismus retten möchten. Und plötzlich stand das überall, ein Anspruch, den keiner erfüllen kann. Das meistbeachtete deutsche Medien-Startup der letzten Jahre hat an seinem ersten Geburtstag eingeladen zum Tag der offenen Redaktion. Das Büro liegt schick in der Kulturbrauerei – fast schon mehr Establishment als Underdog. Es wirkt erstaunlich schlicht. Statt Club Mate gibt es Kaffee und Salzstangen, statt Startup-Hipstertumgibt es Ikeaeinrichtung. Was aber bleibt nach einem Jahr Krautreporter?

Anders machen wollten und wollen die Krautreporter vieles: Journalismus online, der nicht darauf abzielt, möglichst oft angeklickt zu werden. Nicht mit Werbung, sondern durch Crowdfunding hat sich das Projekt finanziert. Über 18.000 Mitglieder haben mit ihren Spenden lange Hintergrundreportagen ermöglicht. Tiefgründige Recherche und gute Stories abseits des Mainstreams lautet das Ziel. Einen harten Kriterienkatalog gibt es nicht. Natürlich spielen Clicks eine Rolle. Aber es sei auch wichtig Diskussionen in der Community zu entfachen. (wer mitdiskutieren will und andere Vorteile genießen, muss Mitglied werden). Die Krautreporter wollen Inhalte zu liefern, die so nicht in den Zeitungen stehen würden. Das kann großartig sein, wie bei den Geschichten von Theresa Bäuerlein: Beeindruckende Portraits über Dschihad, Porno-Darstellerinnen oder einen Ex-Nazi, alle ebenso spannend wie irgendwie anders.

Aber es ist es schwer, im Fokus der Aufmerksamkeit zu bleiben, wenn Themen konsequent an der Tagesaktualität vorbei .gesetzt werden. Die Interaktionsraten in den sozialen Netzwerken wie Twitter sind eher gering. Reichweite ist den Krautreportern nicht wichtig, aber es fällt auf, dass kein Wort dazu wie viele oder wenige Menschen die Plattform erreicht. Krautreporter hat ausprobiert, manches hat funktioniert, manches nicht. Wer, wenn nicht ein Projekt wie Krautreporter hat die Freiheit einfach mal Dinge auszuprobieren. Es ist gut, dass sich die Krautreporter sich diese Freiheit geschaffen und genommen haben: Die Krautreporter haben unter ihren Community Mitgliedern abgefragt, wer Kontakte in welche Länder hat und sich zu welchen Themen auskennt. Gemeinsame Recherchen ergaben schöne journalistische Kammerspiele wie die Reportagen von Rico Grimm zum ersten privaten Raumfahrtprogramm – das aus Deutschland stammt. Als die MH17 abstürzte, zapften die Krautreporter das Wissen der Fluglotsen und Piloten unter ihren Lesern an. Sie wussten sehr schnell, dass die meisten Medienberichte reine Spekulation sind und eigentlich nicht journalistischen Standards entsprechen. Man beschloss sich nicht der Sensationsberichterstattung anzuschließen. Eine vernünftige Entscheidung. Trotzdem drängt sich der Gedanke auf, dass genau darin eine Story gelegen hätte, wie wild Qualitäts- und zum MH17 Absturz spekulieren.

Einige Autoren sind abgesprungen, prominente Namen wie Stefan Niggermeier oder Richard Gutjahr schreiben nicht mehr für die Plattform. Beide dürften alleine eine höhere Reichweite als Krautreporter besitzen. Auf dem von Niggermeier gegründeten Bildblog wurde zum MH17 Absturz berichtet. Das ist vielleicht das Manko der Krautreporter in ihrem ersten Jahr, dass es viele gute Geschichten gab, aber kaum eine, die wirklich eingeschlagen ist, die Timelines und Twitterfeeds überschwemmte. Relevanz und redaktionelle Linie fehlen oft. Die größte Leistung der Krautreporter war und ist wohl ihr alternatives Finanzierungsmodell. Eigentlich noch mehr: Zu zeigen, dass es genug Menschen gibt, die für Journalismus im Netz zu zahlen oder auch den Menschen klarzumachen, dass echter Journalismus es wert ist auch im digitalen Zeitalter bezahlt zu werden, das ist eine große Leistung. Wie es weitergeht? Krautreporter will eine Genossenschaft werden, wenn sich erneut genügend Unterstützer finden. Diese Woche sollen Mails an die bisherigen Cowdfunder rausgehen, um abzufragen, wer ein zweites Jahr finanzieren will. Ohne Zugpferde wie Niggermeier wird es schwierig, genügend Unterstützer zu finden.  Denooch: Es gibt ähnliche Projekte in Ungarn und den Niederlanden, Niggermeier will eine eigene Medienkritikplattform gründen. Mehr als eine Fußnote in der neueren deutschen Mediengeschichte sind die Krautreporter aber dennoch schon jetzt.

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